Famulatur am Karatu Lutheran Hospital, August-Oktober 2001 Im August 2001 bin ich nach Tanzania aufgebrochen. Einige Zeit ist nun vergangen, seitdem ich aus Tanzania in das gute alte Deutschland zurückgekehrt bin, und der Kulturschock ist nun halbwegs überwunden. Es lässt sich nur schwer in Worte fassen, wie ich diese Zeit am Karatu Lutheran Hospital, Arusha-region, Tanzania, East-Afrika nun eigentlich erlebt habe. Karatu ist ein kleines, verschlafenes Städtchen am Fuße des bekannten Ngorongoro-Kraters. Straßen mit etwas Teer gibt es in der Umgebung von 2 Stunden keine, Stromleitungen erreichen nun schon seit immerhin 6 Monaten die Stadt. 10 Kilometer von der Stadt entfernt liegt das Karatu-Lutheran Hospital, quasi mitten im Busch. Das Krankenhaus bietet Platz für immerhin 80 stationäre Patienten, besitzt ein Labor, ein Röntgengerät und eine Apotheke. Die Auslastung liegt jedoch bei nur ca. 35 stationären Patienten und 30 ambulanten Patienten am Tag. Das Problem ist im wesentlichen die ärztliche Versorgung, da nur 1 Arzt und 2 Clinical-Officers (Vorstufe zum Arzt) am Krankenhaus arbeiten. Der Arzt ist für alles zuständig, Versorgung der Patienten, kleine Operationen wie Kaiserschnitt, Blinddarm-OP und Leistenbrüche. Dazu kommt die Verwaltung des Krankenhauses und das alles 24 Stunden und 7 Tage die Woche. Es ist kaum Möglich, diese Aufgaben zu bewältigen. So wurde ich gleich in die Arbeit am Krankenhaus eingespannt und musste zwangsläufig viele Tätigkeiten übernehmen, mit denen ich noch kaum vertraut war. Meistens habe ich die Stationsvisiten zusammen mit einem Clinical-Officer oder einer der Sisters durchgeführt. Ich musste die Entscheidungen über Diagnostik und Medikation der Patienten fällen, konnte dabei aber auf den Wissensschatz der Schwestern zurück greifen, und natürlich auf Ihre Übersetzung von Kisuaheli auf Englisch. Bei besonders schwierigen Patienten wurde abends nochmal Agust zu Rate gezogen, oder meine winzige Bibliothek, die ich aus Deutschland mitgebracht hatte. Das Krankenhaus gliedert sich in 3 Stationen; female-ward, male-ward und obstetric-ward (Geburtshilfe), das theatre (OP) und die Ambulanz. Häufige Krankheitsbilder waren aus dem chirurgischen Bereich Sectio, Wundversorgung nach Unfällen (häufig auch nach Auseinandersetzungen), Versorgung von Frakturen und infizierten Wunden, z.B. nach Schlangenbiß. Im internistischen Bereich sah man häufig Tuberculose (oft mit HIV), Durchfallerkrankungen, Pneumonien, Epilepsie, Asthma und auch Typ I Diabetes-Mellitus. Da ich nun leider noch keinen Oberarzt-Blick habe und auch an der Tür noch nicht rieche, was der Patient im Bett vor mir hat, war die Visite oft sehr zäh. Oft brachten auch lange Diskussionen am Krankenbett, die Ergebnisse der einfachen Laboruntersuchungen, die wir angeordnet haben und auch das nächtliche Nachschlagen in der Mini-Bibliothek keine befriedigende Diagnose. So konnte man dann nur abwarten, ob es dem Patienten nicht einfach von alleine wieder besser gehen wird (vermutlich der größere Teil der Patienten), oder ob vielleicht die symptomatische Therapie anschlägt (wohl der kleinere Teil der Patienten). Bei den OP’s konnte ich Dr. Kitange assistieren oder mich um die Narkose der Patienten kümmern. Als eizige Narkosemöglichkeit gab es in Ermangelung eines Beatmungsgerätes und der Narkosegase die Ketamin-Narkose. Kombiniert mit Valium lassen sich auch so die Notfalloperationen durchführen. Man kann Ketamin so titrieren, daß die Patienten noch selbst atmen (nicht zu viel) und sich nicht mehr bewegen (nicht zu wenig). Alles in allem keine so schöne Sache, besonders weil Ketamin auch auf die Neugeborenen bei einer Sectio atemdepressiv wirkt. Etliche schwierige Situationen waren am Krankenhaus zu überstehen, oft sind Patienten gestorben, ohne dass wir die Möglichkeit hatten, etwas dagegen zu tun. Die Hände waren einem durch die sehr bescheidenen Mittel und Möglichkeiten gebunden, man konnte einfach nur zuschauen, versuchen, vielleicht doch noch etwas zu erreichen, z.B. einen Transport in das nächste große Krankenhaus organisieren, der allerdings utopisch teuer war. Wenn alles nichts half, lagen die Patienten auf unseren Stationen und uns blieb nur, ihnen beim Sterben zuzusehen. So ist das Leben. Und es wird mit einer erstaunlichen Akzeptanz –als Wille Gottes- hingenommen. Mich beschlich das Gefühl, dass die Leute dennoch zufriedener im Kreis ihrer Angehörigen, die Tag und Nacht immer dabei waren, gestorben sind, als ich es vorher bei meinem Praktikum in der high–tech Hochburg des Leipziger Herzzentrums erlebt habe. Wenn jemand ein Praktikum in einem Entwicklungsland machen möchte, so tut er das nicht nur für die Menschen dort, sondern auch für sich selbst. Ich habe am Krankenhaus nicht nur schwierige Situationen erlebt, sondern auch wunderschöne Momente. Wenn einen die Kinder mit großen Augen anstrahlen, weil es Ihnen wieder besser geht. Wenn Patienten tagelang am Krankenhaus warten, nur um den Mzungu-Doktor zu sehen oder man von den Mitarbeitern des Krankenhauses zum Essen eingeladen wird, weil es für sie eine besondere Ehre ist, wenn man ihre Familie kennen lernt. Außer der Arbeit am Krankenhaus blieb aber auch noch Zeit, die wunderschöne Umgebung wie z.B. den Ngorongoro-Krater kennen zu besuchen. Allerdings konnte ich keine Touristen-Safari machen, da diese unglaublich teuer sind. War aber auch nicht nötig, da ich am Krankenhaus vor allem die interessanteste Seite dieses Landes kennenlernen konnte: die Menschen von Tanzania. Wie lassen sich also all diese Erfahrungen auf einen Nenner bringen? Unmöglich, zu vielseitig war diese Zeit, zu beeindruckend, um es in wenigen Worten zusammen zu fassen. Gern würde ich eines Tages zurück kehren, um all diese Erinnerungen auf zu frischen und all die Freunde zu besuchen, die ich jetzt dort zurück lassen musste. Wer weiß, ob der Tag kommen wird....
Karibu – willkommen in diesem wunderschönen Land. Jochen Hahn |
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